5 Fragen an…

…’Zusammen essen, denken, leben‘

Am vergangenen Montag habe ich Leo, Johanna und Sophia der Freiburger Initiative ‚Zusammen essen, denken, leben‘ im Sedan Café getroffen und ihnen ein paar Fragen zu ihrem Projekt gestellt, das in diesem Herbst gegründet wurde.

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1. Ihr habt vor kurzem die Initiative ‚Zusammen essen, denken, leben – eine Plattform zum Kennenlernen für Geflüchtete und Stadtgesellschaft‘ ins Leben gerufen. Könnt ihr mir vielleicht kurz erzählen, was eure Initiative anbietet?

Johanna: Also uns geht es darum ein niedrigschwelliges Angebot, eine niedrigschwellige Struktur zu schaffen, dass sich Freiburger mit neu hier angekommenen Geflüchteten treffen. Eine Basis zu schaffen, mit ihnen in Kontakt zu treten. Unsere Zielgruppe sind die Freiburger, die vielleicht nicht die Zeit haben pro Woche drei Stunden Sprachkurs zu geben, die sich aber trotzdem mit diesen Menschen treffen wollen, sie kennenlernen wollen und dafür haben wir die Plattform ‚Zusammen essen, denken, leben‘ ins Leben gerufen. Dort können Freiburger verschiedene Einladungen posten – und zwar genau in dem Format, in dem sie das wollen. Ob das ein morgendlicher Brunch für zwei Personen ist, eine abendliche Party für zehn Leute, ein kleiner Spaziergang in der Stadt, oder mit einer Familie mit Kindern ein Spielplatzbesuch. Es ist sozusagen die Möglichkeit das anzubieten, was man im Alltag eh macht und es zu öffnen für die Leute, die neu hier angekommen sind.

2. Dieses Jahr haben wir einen der größten Flüchtlingsströme in Europa – seit den Balkankriegen in den 90er Jahren. Entstand auch im Zuge dessen eure Idee, oder habt ihr euch schon länger mit dem Gedanken getragen eine solche Initiative zu gründen?

Sophia: Ich glaube da kommen wir alle aus ganz unterschiedlichen Bereichen, die das ganz unterschiedlich wahrgenommen haben. Aber dass wir jetzt zu dem Zeitpunkt gerade zusammengefunden haben, ist auf jeden Fall ein Resultat des erneuten, ganz offensichtlichen Zustroms. Dazu kommt, dass jeder von uns seit einer gewissen Zeit damit Erfahrungen gemacht hat und Leute kennt und begleitet hat, die versuchen sich auf den Weg zu machen oder auch schon hier angekommen sind. Aber dass es jetzt gerade passiert und dieser Verein gegründet worden ist, und dass wir uns jetzt so krass engagieren, ist natürlich, weil es jetzt so ein Thema ist. Die Leute sind ja nicht mehr zu übersehen, sie sind ja nicht mehr wegzudenken. Auch das Thema ist aus den gesellschaftlichen Gesprächen nicht mehr wegzudenken – und schreit ja nach Lösungen.

Johanna: Ich glaube dieses Schlagwort ‚Sichtbarkeit‘ ist ein total zentraler Moment – auch in der Freiburger Flüchtlingshilfe. Dass es einfach ein großes Bedürfniss gibt sich anzudocken, sich zu engagieren, zu helfen und wir uns einfach als Strukturgeber verstehen. Dass wir einfach so eine Funktion als Vermittler einnehmen wollen. Dadurch, dass die Geflüchteten nun langsam in Freiburg ankommen und Raum einnehmen war für uns der springende Punkt, hier was zu machen.

3. Du hattest es gerade schon angesprochen in deiner Antwort, Sophia, dass ihr alle irgendwie mit diesem Thema zu tun hattet – auf die ein oder andere Art. Daran schließt auch meine nächste Frage an: Die Frage nach euch, den Menschen hinter diesem Projekt. Welche Hintergründe habt ihr jeweils? Gab es da bereits ehrenamtliches Engagement oder auch eine bestimmte berufliche Tätigkeit mit sehr viel Kontakt zu Geflüchteten?

Leo: Wir sind ungefähr 16 Leute und alle haben verschiedene Hintergründe. Ich bin Umweltingenieurin, Johanna beschäftigt sich mit Theater, Sophia mit Arabisch, Jan ist Musiker. Wir haben auch Übersetzer, Krankenpfleger, eine zukünftige Lehrerin und Studenten in unserem Team. Es ist wirklich eine große Mischung von Menschen. Ein paar von uns kannten sich schon und dann haben wir zusammen über die Situation diskutiert und darüber, etwas konkret in Freiburg zu machen. Wir haben als sehr kleine Gruppe angefangen. Ich hatte in diesem Sommer schon etwas Erfahrung gesammelt, als ich in Dresden in einem Haus zusammen mit Flüchtlingen gewohnt habe. Und ich habe auch am Willkommensfest in Dresden teilgenommen.

Sophia: Ich bin Islamwissenschaftlerin und ich habe im Zuge meines Studiums auch eine Weile in Damaskus und Syrien gelebt und deswegen war es für mich eigentlich schon seit Jahren Thema. Seit die Demonstrationen in Syrien so gewaltsam niedergeschossen worden sind und sich daraus dieser Bürgerkrieg entwickelt hat, waren natürlich Freunde von mir unmittelbar betroffen. Wir haben eigentlich schon seit Jahren versucht, einen legalen Weg nach Deutschland zu finden. Wir haben wirklich alles Mögliche versucht. Dann kam irgendwann die Nachricht, dass einer meiner Freunde sich schon auf der Flucht befindet. Er war zu diesem Zeitpunkt schon in Griechenland. Ich bin also schon etwas länger und auch immer sehr persönlich involviert gewesen.

4. Zum Projekt selber: Du hattest darüber ja schon bei der ersten Frage gesprochen, Johanna. Wie sind denn bis jetzt die Reaktionen? Es ist ja schließlich ganz neu: Ihr seid seit ca. 3-4 Wochen mit eurer Homepage online. Man kann sich seitdem mit einem kleinen Profil und einem Angebot eintragen und Gäste finden. Wie ist bis jetzt der Rücklauf, wie wird das Angebot angenommen?

Leo: Ich würde sagen sehr positiv. Wir haben uns die erste Woche auf Gastgeber fokussiert und waren sehr beschäftigt mit der Website. Und nun sind wir in einer zweiten Phase, in der wir zu verschiedenen Sprachschulen und Heimen gehen, um Gäste zu finden. Das ist sehr interessant und macht viel Spaß. Es ist auch eine Challenge – es gibt Leute, die wenig Deutsch können.

5. Zum Abschluss die Frage: Was wünscht ihr euch für das Jahr 2016 für euer Projekt?

Johanna: Ich glaube eine Konsolidierung, erst mal. Unsere Idee dahinter war, dass es diese Vermittlerfunktion dahinter langfristig nicht mehr braucht. Das war total klar. Es braucht extrem viel Aktivierungsenergie am Anfang beide Zielgruppen darauf aufmerksam zu machen und eine Routine reinzubringen, dass sie dem Label vertrauen und es genutzt wird. Ich wünsche mir für 2016, dass wir uns immer mehr zurückziehen können, weil beide Zielgruppen darüber Bescheid wissen, gute Formate und Einladungen finden, wo beide Seiten glücklich sind und sich daraus irgendetwas entwickelt.

Sophia: Momentan haben wir ja noch ganz klar ein Gastgeber- und Gästeprofil, aber wenn sich dann die ersten Leute, die jetzt kommen niederlassen können und wissen, dass sie länger da sind, hätten wir gerne, dass es eine ebenbürtigere Geschichte wird, als jetzt aus der Not oder Notwendigkeit heraus – wo man wirklich nur alteingesessene Freiburger ansprechen kann. Sondern dann auch Neugekommene Gastgeber-Angebote einstellen können.

Leo: Ich würde mir für 2016 wünschen, dass wir das auf die Region ausweiten können.

Johanna: Oder in andere deutsche Städte. Wenn es Menschen gibt, die von dieser Website hören: Jeder ist eingeladen, das in einer anderen Stadt auch zu machen. Man braucht am Anfang einfach viel Aktivierungsenergie, es braucht ein kleines Team von Leuten, das sich darum kümmert, dass diese beiden Zielgruppen darüber Bescheid wissen.

Vielen lieben Dank, dass ihr euch die Zeit für dieses Interview genommen habt!

Hinweis: Wenn Du möchtest, kannst Du selber Gastgeber*in werden und ein Profil sowie ein Angebot auf der Seite einstellen. Sehr gefragt sind übrigens auch immer Menschen, die gerne Brettspiele wie Backgammon oder Schach spielen.