Arbeitslos durch Fair Trade?

Uns erreichen immer wieder Anfragen inhaltlicher Art. Und da wir selbst gern Dinge hinterfragen, freut es uns, wenn sich auch andere Menschen ihre eigenen Gedanken machen.

Die folgende Anfrage von Johanna, die sich für die Schule mit uns beschäftigt hat, wird uns in der einen oder anderen Form immer wieder gestellt. Daher habe ich Johanna um Erlaubnis gefragt, ob ich ihre Anfrage – inklusive meiner Antwort – im Blog dokumentieren darf.

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Sehr geehrte Damen und Herren,

in der Schule werde ich mit einer Freundin ein Referat über die Umstände der Textilfabriken in Bangladesch und anderen 3. Welte Ländern halten. Zu der Einstiegsfrage, wie man die Umstände ändern kann, habe ich ein paar Lösungen gefunden. Zum einen das Boykottieren der Ware aus diesen Ländern und bei der Suche nach Alternativen bin ich auf Ihre Seite gestoßen.
Doch was passiert, wenn niemand mehr diese Kleidung kauft und alle auf fair gehandelte Ware umsteigen? Was passiert mit den Näherinnen, die nichts anderes haben als den kleinen Lohn, den sie beim Produzieren verdienen, wie sollen sie ihre Familien ernähren, wenn sie arbeitslos sind?

Ich unterstütze FairTrade und finde es gut, dass es Alternativen gibt! Doch sollte man sich auch darüber Gedanken machen.
Wie denken Sie darüber?

Mit freundlichen Grüßen
Johanna (Nachname anonymisiert)

und so habe ich geantwortet

Hallo Johanna,

es ist natürlich erstmal grundsätzlich löblich, dass du um die Arbeitsplätze der Näher*innen Angst hast. Aber irgendwie steckt da m.E. auch ein Denkfehler dahinter, der mir allerdings schon öfter begegnet ist:

Die Arbeitsbedingungen sind ja deswegen schlecht, weil die europäischen Verbraucher*innen, Läden und Marken ihre Einkaufspolitik oft nach dem niedrigsten Preis (bei vergleichbarer Qualität) einkaufen und der Marktmechanismus die Produzent*innen dementsprechend unter Druck setzt. Diese sparen dann an den Löhnen und Arbeitsbedingungen. Und nur weil der Lohn schlecht ist, sind die Arbeitsplätze ja keineswegs sicherer. Es passiert ja trotzdem immer wieder, dass jemand anderes noch günstiger produziert und noch niedrigere Stundenlöhne zahlt, woraufhin die Abnehmer dorthin wandern. In der Fachliteratur nennt sich das ‚race-to-the-bottom‘. Durch schlechte Löhne enstehen ja nicht insgesamt mehr Arbeitsplätze, sondern nur mehr Arbeitsplätze in einem Land oder einer Firma in Konkurenz zu den anderen Ländern und Firmen mit höheren Löhnen. Bei denen gehen dadurch Arbeitsplätze verloren. So wurden in der Vergangenheit ja eher bessere Arbeitsplätze tendenziell durch schlechtere ersetzt.

Unsere Idee von Veränderung ist, dass sich der Prozess umkehrt: Wir hoffen, ein positives Beispiel zu bieten, damit mehr und mehr Firmen sich trauen ihre Kleidung etwas teurer und gleichzeitig etwas fairer anzubieten und immer mehr Konsument*innen auch auf ‚Fairness‘ in der Produktion achten, statt nur auf den Preis. Wenn also mehr Kleidung in Firmen mit guten Arbeitsbedingungen produziert wird entstehen dort auch Arbeitsplätze. Und schließlich hat ja auch jede*r Fabrikbesitzer*in die Freiheit, die Arbeitsbedingungen für die Angestellten zu verbessern. Wir hoffen also eigentlich nicht, dass Fabriken mit schlechten Arbeitsbedinugen dann schließen müssen, sondern dass sich die Bedingungen für die Arbeiter*innen auch dort langfristig verbessern, wenn die Verbraucher*innen, Läden und Marken auch auf andere Kriterien achten. Natürlich werden möglicherweise auch Fabriken schließen, die auf einen solchen Trend nicht reagieren. Aber das wäre mir viel lieber, als andersrum.

Viele Grüße
Sascha Klemz | zündstoff