Interview: Seenotrettung im Mittelmeer

zündstoff: Schön, dass ihr mir für ein Interview zur Verfügung steht. Erklärt doch unseren Leser*innen einfach mal was RESQSHIP macht und was eure Motivation dafür ist?

Seit 2010 sind mindestens 35.000 Menschen auf der Flucht im Mittelmeer ertrunken. Es existieren de facto keine legalen Fluchtwege für diese Menschen, weswegen sie sich als letzten Ausweg auf Schlauchboote begeben und damit ihren Tod riskieren. Die EU schaute ihnen erst dabei zu, dann weg. Es gibt aber keine illegalen Menschen oder Menschen zweiter Klasse – deshalb möchten wir als Verein Hilfe entlang der zentralen Fluchtrouten leisten. Wir engagieren uns im Bereich der zivilen Seenotrettung und möchten im nächsten Jahr bei der medizinischen Erstversorgung auf Lesbos helfen.

Die Gesellschaft ist im Bezug zu Flucht und Migration sehr gespalten. Habt ihr eigentlich auch manchmal Kontakt zu Menschen, die eurer Arbeit kritisch gegenüberstehen? Was antwortet ihr denen?

Klar, wir müssen ja gerade mit denen sprechen, die unsere Arbeit und damit ein menschenwürdiges Europa verhindern wollen – oft reicht es schon, unbegründete Ängste abzubauen. Am Ende sprechen wir immer über Menschen wie du und ich, die auf der Flucht sterben. Wenn man also von Einzelschicksalen statt von Zahlen erzählt verliert sich viel Kritik. Die meisten Menschen wollen ja nicht, dass andere leiden.

In den letzten Monaten hatte die zivile Seenotrettung ja nicht nur mit allen möglichen politischen Gegnern zu kämpfen. Zahlreiche Organisationen hatten Ärger mit dem italienischen Staat, durften nicht in Häfen einlaufen, Schiffe wurden von der lybischen Küstenwache gerammt, usw.. Wart auch ihr konkret von derartigen Dingen betroffen?

Leider ja – Mitglieder von RESQSHIP wurden auf früheren Missionen direkt von der sogenannten „libyschen Küstenwache“ bedroht und am Retten gehindert. Hier in Deutschland macht die politische Situation es so gut wie unmöglich sicher aufs Wasser zu kommen – deshalb planen wir einen zusätzlichen medizinischen Einsatz auf Lesbos, denn wir WOLLEN ja helfen, auch unter diesen repressiven Bedingungen.

Sicherlich gibt es auch viel Solidarität untereinander oder von Organisationen, die schon lange eine progressive Migrationspolitik fordern. Hier in Freiburg gab es ja mehrere Habt ihr auch Solidarität von Gruppierungen erfahren, bei denen ihr nicht damit gerechnet habt?

Zuallererst ist die Solidarität bei Demos, dieses Jahr vor allem bei den Seebrücken-Demos, überwältigend groß. Es ist wirklich ermutigend, mit Menschen auf die Straße zu gehen, die sich politisch sonst noch nicht engagiert haben. Und: wir wurden für einen Vortrag mal von der Mainzer SPD eingeladen. Das war für uns – ganz unironisch – ein großes Erfolgserlebnis. Wir denken, dass es einen breiten Konsens gibt, dass man Menschen nicht einfach ertrinken lassen soll. Die Frage ist, wie wir das Thema auf der politischen Bühne platzieren und gemeinsam daran arbeiten, dass auch WIRKLICH keine Menschen mehr trinken. Ansonsten haben wir nämlich gar nichts erreicht.

Zum Schluss noch ganz konkret: Was sind eure Pläne in 2019 und wie kann man euch dabei aktiv unterstützen?

Wir halten natürlich an der Seenotrettung im Zentralen Mittelmeer fest, wissen aber noch nicht, wann das verantwortungsbewusst möglich sein wird. Dafür befinden wir uns in der intensiven Planungsphase für unseren Einsatz auf Lesbos. Natürlich brauchen wir dafür finanzielle Hilfe, aber auch medizinische Helfer*innen, Koordinator*innen, und Leute, die uns in der Öffentlichkeitsarbeit unterstützen möchten. Den Menschen auf der Flucht helfen wir aber auch, indem wir hier immer und immer wieder auf die grauenvolle Situation entlang der Grenzen dieser Welt zeigen und uns Gehör verschaffen. Danke euch, liebes zündstoff-Team!